12. Juli 2026
4 Gründe, warum Pitbulls & Amstaffs keine "Nanny Dogs" sind
Immer wieder liest man – vor allem in den sozialen Medien aus den USA –, dass Rassen wie der American Staffordshire Terrier oder der Pitbull als sogenannte "Nanny Dogs" besonders gut für Familien mit Kindern geeignet seien. Manche Beiträge vermitteln sogar den Eindruck, diese Hunde könnten auf Kinder aufpassen oder seien besonders geeignet, um mit ihnen allein zu bleiben.
Ich halte diese Aussage für problematisch.
Nicht, weil ich diese Rassen für grundsätzlich gefährlich halte – ganz im Gegenteil. Ich habe im Laufe meiner Arbeit und auch privat viele (American) Staffordshire Terrier und Pitbulls kennengelernt, die ausgesprochen freundlich, menschenbezogen und liebevoll waren. Einige waren sogar deutlich ruhiger und ausgeglichener als mein eigener Chihuahua.
Dennoch gibt es gute Gründe, warum kein Hund – unabhängig von der Rasse – als "Nanny" für Kinder bezeichnet werden sollte.
1. Kein Hund ersetzt die Aufsicht eines Erwachsenen
Der wichtigste Punkt zuerst:
Kinder sollten niemals unbeaufsichtigt mit einem Hund allein gelassen werden.
Das gilt für den Labrador genauso wie für den Golden Retriever, den Chihuahua oder den Pitbull.
Kinder handeln oft unvorhersehbar. Sie rennen, schreien, umarmen Hunde ungefragt, nehmen ihnen aus Spaß das Futter weg oder greifen ihnen ins Gesicht. Selbst der freundlichste Hund kann sich dadurch erschrecken oder bedrängt fühlen. Calming Signals (Beschwichtigung/Beruhigung), die der Hund VOR den Drohsignalen zeigt, können nicht von Kindern wahrgenommen, werden, weil Kinder eben noch Kinder sind und ihnen das Wissen dazu fehlt. So wird ganz schnell ein "wegdrehen" oder ein "umdrehen und hinsitzen", ein gestresstes "Gähnen" oder "auf dem Boden schnüffeln und wegschauen" übersehen oder fehlinterpretiert. Ein Zeichen des Hundes, mit dem er sagt: "Hey, es wird mir etwas zu turbulent, ich fühle mich nicht wohl und möchte eigentlich lieber weg hier, bitte lass mich in Ruhe."
Verantwortungsvolle Hundehaltung bedeutet deshalb immer, Begegnungen zwischen Kindern und Hunden aktiv zu begleiten und auch Kindern so früh wie möglich Wissen mit zu geben, wie Hunde zeigen, dass Sie nicht angefasst werden möchten.
Immer wieder gehen Videos viral, in denen Hunde scheinbar liebevoll Babys mit Decken zudecken. Viele Menschen interpretieren dieses Verhalten als Zeichen dafür, dass der Hund das Kind beschützen oder umsorgen möchte.
Doch Hundeverhalten ist nicht immer so eindeutig, wie es auf den ersten Blick wirkt. Hunde handeln nicht nach menschlichen Vorstellungen von Fürsorge, sondern nach ihren eigenen Verhaltensmustern. Das Zudecken, Verstecken oder Sichern von etwas kann verschiedene Ursachen haben – unter anderem auch natürliche Instinkte rund um Nestbau oder das Sichern von Ressourcen.
Solche Videos sollten deshalb nicht dazu verleiten, einen Hund und ein Baby unbeaufsichtigt zusammenzulassen. Auch wenn eine Situation niedlich aussieht, kennen wir die Motivation des Hundes nicht immer. Verantwortungsvolle Hundehaltung bedeutet, Verhalten richtig einzuordnen und die Sicherheit von Kind und Hund immer an erste Stelle zu setzen.
2. Diese Hunde sind sehr kräftig
American Staffordshire Terrier, Pitbulls und ähnliche Rassen wurden ursprünglich für Aufgaben gezüchtet, bei denen Kraft, Ausdauer und Durchhaltevermögen gefragt waren.
Das bedeutet nicht, dass sie automatisch aggressiv sind.
Es bedeutet jedoch, dass sie körperlich ausgesprochen stark sind. Sollte es zu einem Beißvorfall kommen, können die Folgen aufgrund ihrer Kraft deutlich schwerwiegender sein als bei kleineren Hunderassen.
Häufig hört man außerdem die Aussage, diese Hunde hätten einen "verriegelnden Kiefer" oder eine "Kiefersperre" sobald sie zugebissen haben. Das stimmt anatomisch nicht. Ihr Kiefer funktioniert wie der anderer Hunde. Allerdings können einzelne Hunde – insbesondere unter starker Erregung – einen sehr festen Griff entwickeln und nur schwer wieder loslassen. Dadurch kann es notwendig werden, den Hund fachgerecht zu lösen. Gerade deshalb sollte es gar nicht erst zu Situationen kommen, in denen ein Hund mit einem Kind unbeaufsichtigt ist.
3. Ein stark ausgeprägtes Beutefangverhalten kann zum Risiko werden
Nicht jeder Hund dieser Rassen zeigt ein problematisches Beutefangverhalten.
Kommt jedoch ein unerkanntes oder fehlgeleitetes Beutefangverhalten hinzu, können typische Verhaltensweisen von Kindern problematisch werden.
Kinder rennen plötzlich los, quietschen, wedeln mit Spielzeug oder ändern blitzschnell die Richtung. Genau solche schnellen Bewegungen können bei manchen Hunden Jagd- oder Fangverhalten auslösen.
Deshalb ist es wichtig, den eigenen Hund gut einschätzen zu können und solche Situationen niemals zu unterschätzen.
4. Das eigentliche Problem sitzt oft am anderen Ende der Leine
Leider werden genau diese Rassen häufig als Statussymbol angeschafft.
Nicht selten fehlt es anschließend an Wissen über Hundeverhalten, das richtige Handling und Verantwortung. Manche Hunde werden sogar bewusst in ihrer Aggression bestärkt oder falsch gehalten.
Das schadet nicht nur den Menschen, sondern vor allem den Hunden selbst.
Denn jeder Beißvorfall verstärkt die Vorurteile gegenüber einer ganzen Rasse – obwohl die Ursache häufig in einer unzureichenden Haltung, mangelndem Wissen oder fehlendem Management liegt.
Mein Fazit
Ich wünsche mir einen sachlichen Umgang mit diesen Hunderassen.
Weder sollten sie als gefährliche "Kampfmaschinen" abgestempelt werden, noch als besonders geeignete "Nanny Dogs" romantisiert werden.
Sie sind Hunde mit individuellen Persönlichkeiten, Bedürfnissen und – je nach Linie und Veranlagung – besonderen Eigenschaften, die verantwortungsvoll geführt werden müssen. Wer sich für eine solche Rasse entscheidet, übernimmt eine besondere Verantwortung. Diese Hunde können wunderbare Familienmitglieder sein, bringen jedoch eine enorme Kraft mit. Umso wichtiger ist ein gewisses Fachwissen und ein verantwortungsvoller Umgang – zum Schutz des Hundes, seiner Umwelt und nicht zuletzt des guten Rufes der Rasse.
Das Wichtigste ist deshalb nicht die Rasse, sondern der Mensch am anderen Ende der Leine.
Und ebenso wichtig: Kein Hund sollte die Verantwortung für ein Kind tragen müssen. Die Aufsicht über Kinder gehört immer in die Hände von Erwachsenen.